Viele haben die große Liebe hinter sich. Manche träumen noch von ihr. Und wissen dabei gar nicht recht, was das sein könnte, denn so wenig Erfahrung hat man mit ihr. Manche müssen sich gar korrigieren. Was sie einst für die eine, große, wahre Liebe hielten hat sich im besseren Fall als Seifenblase im schlimmsten Fall als Desaster erwiesen. Eine Frau berichtet in einem Interview von ihrem Leben. Vom Leben „allein“. Mich hat diese Frau und was sie gesagt hat berührt. Ihre Schilderungen waren jenseits aller Klischees. Sie hat von einem Phänomen berichtet, das sie „Mikro-Liebe“ nennt. Dieser Ausdruck „Mikro-Liebe“ gefällt mir nicht. Was sie damit meinte umso mehr. Die Verbindung vom Terminus technicus „micro“, einer physikalischen Größe, die ein Millionstel zum Ausdruck bringen soll mit dem weiten, ausuferndem Begriff der Liebe, will mir nicht so recht zusammenpassen. Ich will es „Kleine Liebe“ nennen und erklären, was damit gemeint sein könnte.
Alle sind wir Glücksjäger und jagen dem Glück oft so beharrlich hinterher, dass wir ganz übersehen, welches Glück uns alltäglich begegnet. Seelig diejenigen, die das Glück der kleinen Dinge wahrnehmen können. Klein ist das Glück oder klein die Liebe, weil sie sich nicht vor uns in aller Pracht und Gewalt aufrichtet und uns den Weg und den Blick verstellt. Die große Liebe bricht wie eine Naturgewalt über uns herein, lässt keinen Stein auf dem anderen, manchmal wächst kein Gras mehr. Wir vernachlässigen unsere Freunde, unsere Ambitionen, das, was uns wichtig ist und vor allem das, was wir sind, um ganz in diesem Gefühl aufzugehen und von dieser Welle fortgetragen zu werden. Die kleine Liebe ist nicht aufdringlich. Man muss sich nach ihr bücken. Manchmal muss man einen Stein erst aufheben, um sie darunter zu entdecken. Sie ist leise. Dafür begegnet sie uns häufig. Kleine Liebe sind tiefe Gespräche mit unseren Freunden oder unserem Langzeitpartner, in denen wir das Gefühl vollkommener Nähe und Übereinstimmung haben. In denen wir uns gesehen und verstanden fühlen. In denen wir Dinge, Erlebnisse und Freuden teilen. Kleine Liebe ist enthusiastisch Pläne schmieden, Utopien spinnen und trotz „forty-something“ von einer besseren Zukunft träumen. Kleine Liebe ist sich gemeinsam sorgen, um sich dann wieder zu beruhigen. Kleine Liebe ist das Aufgehen in einer Geschichte, in der wir uns selbst erkennen, die uns einen Spiegel vorhält, deren Sätze uns glücklich machen. Sie kommt aber auch in der Gestalt einer kurzen, flüchtigen Begegnung mit einem uns völlig fremden Menschen. Der Blick des Anderen, den wir auffangen und uns länger als üblich in dieser fremden Vertrautheit verlieren. Wir lächeln. Wir stimmen in etwas überein. Ein ganz kleiner Moment der Nähe und des Verstehens. Die Kleine Liebe begegnet uns, wenn wir etwas leisten und stolz auf uns sind, wenn wir über uns hinauswachsen und mutig sind. Wenn wir Neues ausprobieren und riskieren. Sie begegnet uns dann als unsere Welt in der Welt. Wenn wir uns als Teil von etwas wahrnehmen können. Die Kleine Liebe ist das schemenhafte Erkennen und Anerkennen unserer Selbst. Wenn wir ja zu uns sagen und wir selbst Objekt unserer Liebe sind. Wenn wir über uns selbst lachen können als verschmitzte Komplizen unserer Eigenarten und Makel. Wer kennt nicht die Momente, in denen laute Musik und wildes Tanzen uns mit Freude erfüllen oder Augenblicke allein im Wald uns stille Zufriedenheit schenken. Wenn wir auf unser bisheriges Leben zurückblicken sind es die großen Lieben, die uns aus der Bahn geworfen haben, die kleinen Lieben aber sind es, die uns auf Kurs halten und uns nach wilder Fahrt wieder in den Hafen finden lassen, die unsere Geschichte geschrieben haben, die uns zu Personen machen, die uns zu „uns“ machen. Kleine Lieben heilen die tiefen Wunden, die uns die große Schwester zugefügt hat. Wie gut es das Leben mit uns meint, wenn aus der kleinen Liebe die große, oder aus der großen, die beständige kleine wird.